Hand und Werk - Berufsorientierung an der KDS
- 19. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Sei authentisch – und du findest deinen Weg!
Mit dieser Botschaft erreicht der 70-jährige Zimmerer Richard Betz die Herzen der jugendlichen Schülerschaft, die sich in der Aula der Karl-Dehm-Mittelschule sein Ein-Mann-Stück ansieht. In dem 35-minütigen Theaterstück, mit dem er, unterstützt von der Stadt Kassel und dem Landesinnungsverband des Bayerischen Zimmererhandwerks in ganz Bayern unterwegs ist, erzählt Herr Betz sein Leben.
Als ältester Sohn aus einem kleinen Dorf in Hessen soll er eigentlich den Bauernhof seiner Eltern übernehmen, wie es seit Generationen üblich ist. Aber der junge Mann will kein Bauer werden. Was dann? „Mit 18? Ich hatte keine Ahnung, nicht den leisesten Schimmer!“ Sein Weg führt nach dem Fachabitur und einem sozialen Jahr in einer Jugendherberge, über verschiedene Praktika ins Ausland, zu einem unterbrochenen Architekturstudium mit einem zweijährigen Aufenthalt in Frankreich, Spanien und Marokko und mündet schließlich in eine Zimmerer-Ausbildung. Im Rückblick zeigt er die Zusammenhänge und Mechanismen auf, die ihm auf der Suche nach seinem Weg entscheidend weiterhelfen.
Da sind zum einen viele Menschen, die es gut mit ihm meinen und ihm Mut zusprechen. Zudem kauft er für 9000 € ein verfallenes Haus und renoviert es von Grund auf. Das Gefühl, das alles selbst mit den eigenen Fähigkeiten zu schaffen, war und ist unbeschreiblich, so Herr Betz. Aber zuerst muss man vieles ausprobieren und sich ehrlich reflektieren. Passt das, was ich tue, zu mir? Bin ich am Abend nach getaner Arbeit glücklich und zufrieden? Am zufriedensten war er immer, so sagt er, wenn es schwer war und es trotzdem mit seinem Team einen „Flow“ gab, der alles bewältigen ließ. Herr Betz hängt seinen Job als Architekt an den Nagel, gründet seine eigene Zimmerei und bleibt dabei – bis heute.
Während des kurzweiligen Stücks, das für die Jahrgangsstufen 8, 9 und 10 aufgeführt wurde, baut der Zimmerer eine Leonardobrücke, die große Erfindung von Leonardo da Vinci, auf – ganz ohne Nägel und Schrauben. Diese dürfen Mutige dann auch auseinandernehmen und wieder zusammenfügen und am Ende über sie schreiten. Es ist ungewöhnlich still, als Richard Betz alles erzählt. Das Stück fesselt von der ersten bis zur letzten Minute, nimmt von den Jugendlichen sehr wohltuend den Druck der sofortigen und richtigen Berufswahl und wirbt eindrucksstark für das Handwerk. Es wirkt, weil es nicht irgendein Stück ist, das aufgeführt wird, sondern die Rolle ist echt und authentisch und macht gerade jungen Mittelschülerinnen und Mittelschülern Mut den eigenen Lebensweg zu finden trotz und mit allen Rückschlägen, Umwegen, Hindernissen. Natürlich spricht er auch von Erfolgen und glücklichen Fügungen, die es in jedem Leben gibt.
„Sei du selbst, sei echt, steh‘ zu deinen Stärken und zu deinen Schwächen, dann findest du deinen Weg!“ ist seine zentrale Aufforderung. Und: „Wenn man etwas mit Herz macht, dann kommt das Geld von ganz allein.“ Das Geheimnis des Erfolgs läge darin, immer Neues zu entdecken und auszuprobieren und sich dann neu zu entscheiden. Einige Fragen am Schluss über die Zimmerer-Ausbildung, „um die uns die ganze Welt beneidet“ mit dem BGJ und der zweijährigen Lehrzeit, der Bericht über sein größtes Projekt – dem Bau des Turms eines Minaretts in Richtung Mekka - und ein großer Applaus runden die Aufführung „Hand und Werk“ ab. Wir freuen uns über das große Interesse aller an diesem denkwürdigen Vormittag der Berufsorientierung an der Karl-Dehm-Mittelschule in Schwabach!
Erschienen: 20.06.2026, Schwabacher Tagblatt
Text und Fotos: Irvie Kellmann


